Call for Papers / Vorschau

2022/2 Disziplinäre und wissenschaftliche Verortungen der Hochschulweiterbildung

Einreichungsfrist:                   15.04.2022

Veröffentlichung:                    Dezember 2022

 

Zur thematischen Schwerpunktsetzung

Der gewählte Begriff der „Verortung“ drückt zunächst eine Selbstreflexivität aus – er steht für den Versuch, die wissenschaftliche Weiterbildung im disziplinär orientierten Wissenschaftssystem zu positionieren. Die zugrundeliegende „Verunsicherung“ beginnt schon beim Gegenstandsbereich der Wissenschaftlichen Weiterbildung. So erschwert die Vieldeutigkeit des Konzeptes und ihre hybride Verortung zwischen beruflicher Weiterbildung, allgemeiner Erwachsenenbildung und Hochschulbildung die wissenschaftliche Weiterbildung angemessen zu erfassen und abzubilden (Seitter, 2017; Widany, Wolter & Dollhausen, 2020).

Die Einladung zur Selbstreflexion stellt einen Versuch der (Zwischen-) Bilanzierung dar. Im letzten Jahrzehnt hat wissenschaftliche Weiterbildung als Forschungsfeld an Konjunktur gewonnen (Jütte, Kondratjuk & Schulze, 2020; Schmid et al, 2019). Davon zeugen die Zeitschrift ZHWB, Handbücher, Buchreihen und Forschungsbände mit ihren jeweiligen Systematisierungsanstrengungen.

„Verortungen“ können auch als „Zugänge“ gelesen werden. Dabei ist es naheliegend, zunächst auf disziplinäre Zugänge den Blick zu werfen. Da ist vorrangig ein erziehungswissenschaftlicher Zugang bei vielen der Akteure im Feld der wissenschaftlichen Weiterbildung zu beobachten. Eine besonders ausgeprägte Bezugsdisziplin bildet die Erwachsenenpädagogik, die nach Arnold (2020) bis in die 1990er Jahre die „Mutterdisziplin“ bildete. Dieser enge disziplinäre und personelle Zusammenhang mit der Erwachsenenbildung/Weiterbildung lässt sich besonders ausgeprägt in der Gründungsphase des Arbeitskreises Universitäre Erwachsenenbildung (AUE) beobachten. Aber auch in der Gegenwart ist die wissenschaftliche Weiterbildung ein „Profilierungsfeld von und für Erwachsenenbildung“ (Kammler, Rundnagel & Seitter, 2020). Die Perspektive auf die Erwachsenenbildungswissenschaft lässt sich durchgängig auch in den einleitenden Beiträgen der Schwerpunkthefte der ZHWB finden; was nicht zuletzt auch auf die persönlichen Hintergründe der Verantwortlichen zurückzuführen ist. Empirisch zeigt sich jedoch, dass die Akteur*innen der wissenschaftlichen Weiterbildung heute über sehr unterschiedliche fachdisziplinäre Hintergründe verfügen, wobei der Sozialisation in der Herkunftsdisziplin eine besondere Bedeutung für aufgabenbezogene Deutungsmuster und Relevanzsysteme zukommt (Kondratjuk 2020, S. 50f.). Disziplinäre Verortungen sind also eng verwoben mit Fragen nach professionellen Selbstverständnissen und beruflicher Identität.

Als interdisziplinäres Forschungsfeld ist die wissenschaftliche Weiterbildung zweifelsohne Gegenstand unterschiedlicher disziplinärer Zugriffe von der Hochschulforschung bis zur Berufspädagogik (Baumhauer, 2017). Vor allem in einzelnen Forschungsarbeiten lässt sich die ganze Bandbreite von Theorien, Theoremen, methodischen Zugänge und „Versatzstücken“ finden: geschichtliche, psychologische, (wissens-)soziologische, politikwissenschaftliche, rechtswissenschaftliche, wirtschaftswissenschaftliche, gesundheitswissenschaftliche Zugänge, etc. Ebenso wie in aktuellen erwachsenenpädagogischen Arbeiten werden verstärkt Aspekte der Biografieforschung, der Kompetenzforschung, der Professionsforschung, der Institutionstheorie, der empirischen Bildungsforschung, der Hochschulbildung etc. aufgegriffen. Diese haben ihre je eigenen Konjunkturen und methodischen Zugänge.

Als Intermediär zwischen verschiedenen Funktions- und Systembezügen (Weber, 2020) ist die wissenschaftliche Weiterbildung seit jeher von Inter- und Transdisziplinarität bestimmt. Die Silbe „Inter“ verweist auf das Zusammenführen verschiedener Perspektiven, das in der Praxis eine bedeutende Gestaltungsaufgabe darstellt. Schon die strukturelle Verankerung (Timm & Franz, 2021) wie auch das Planungshandeln konstituieren sich im Zusammenspiel von verschiedenen Fachbereichen und Verwaltung mit ihren je eigenen Logiken und (Lehr-Lern-)Kulturen. Fragen der Interdisziplinarität spielen auch in den Lehr-Lernsettings eine besondere Rolle (Habeck, 2021).

Den grundsätzlichen Stellenwert von inter- und transdisziplinären Kommunikationszusammenhängen unterstreicht Tippelt (2021). Es geht dabei sowohl um die Kommunikation mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen als auch mit der Praxis. Damit rücken auch Publikationsorgane wie die ZHWB, die Verbandsarbeit in den Landesgruppen und Arbeitskreisen als auch die Jahrestagungen (Lobe, Walber, 2020) in den Blick, die eine bedeutende Vermittlungsarbeit im Feld der wissenschaftlichen Weiterbildung einnehmen.

Für die Ausgabe 2022/2 der ZHWB suchen wir Beiträge, die sich mit disziplinären und wissenschaftlichen Perspektiven auf Hochschulweiterbildung auseinandersetzen. Dazu zählen Beiträge,

  • die aus einer (fach-)disziplinären Forschungsperspektive, bspw. der Erwachsenenbildungswissenschaft, Hochschulforschung, Geschichtswissenschaft, etc., sich systematisierend dem Gegenstandsbereich nähern,
  • die theoretische Perspektiven und methodologische Reflexionen auf Hochschulweiterbildung aus der Perspektive der relevanten Bezugswissenschaften aufgreifen,
  • die Bedeutung von Fachkulturen und fachlicher Sozialisation, bspw. im Hinblick auf professionelle Selbstverständnisse, Lern- und Bildungsprozesse von Akteur*innen wie Teilnehmenden, in den Blick nehmen,
  • die fachdisziplinäre Aspekte bei der Programm- und Angebotsentwicklung, Lehr- /Lernprozessgestaltung thematisieren,
  • die Funktions- und Systembezüge wissenschaftlicher Weiterbildung zwischen Wissenschaft, Weiterbildungsmarkt und Arbeitsmarkt beleuchten,
  • die Fragen der Inter- und Transdisziplinarität in der wissenschaftlichen Weiterbildung aufgreifen,
  • die sich mit „Vermittlungsarbeit“, dem Austausch zwischen Forschung und Praxis, dem Wissenstransfer und der Verständigung auseinandersetzen.

Ausdrücklich willkommen sind für dieses Schwerpunktheft ebenfalls Beiträge, die außerhalb oder quer zu den vorgeschlagenen Themen liegen.

 

Literatur

Arnold, R. (2020). Disziplinäre Blickwinkel auf die Wissenschaftliche Weiterbildung. In W. Jütte & M. Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung (S. 61-77). Wiesbaden: Springer VS.

Baumhauer, M. (2017). Berufsbezug und Wissenschaftsorientierung: Grundzüge einer Didaktik wissenschaftlich reflektierter (Berufs-)Praxis im Kontext der Hochschulweiterbildung. Detmold: Eusl.

Habeck, S. (2021). Interdisziplinarität in Veranstaltungen der wissenschaftlichen Weiterbildung. Hessische Blätter für Volksbildung, H. 3, S. 36-47.

Jütte, W, Kondratjuk, M. & Schulze, M. (2020). Hochschulweiterbildung als Forschungsfeld. Disziplinäre, theoretische, empirische und methodische Zugänge. Bielefeld: WBV.

Kammler, C., Rundnagel, H., & Seitter, W. (2020). Wissenschaftliche Weiterbildung als Profilierungsfeld von und für Erwachsenenbildung. Hessische Blätter für Volksbildung, 1, 71–81.

Kondratjuk, M. (2020): Das Handeln der Akteure in der Hochschulweiterbildung sozialweltlich gedeutet. In W. Jütte, M. Kondratjuk, M. Schulze (Hrsg.). Hochschulweiterbildung als Forschungsfeld. Disziplinäre, theoretische, empirische und methodische Zugänge (S. 37–61). Bielefeld: WBV.

Lobe, C & Walber, M. (2020). Von der Wissenschaft zum Management. Akteursprofile der Teilnehmenden an den DGWF-Jahrestagungen. Eine Zeitreihenanalyse unter Berücksichtigung der aktuellen Evaluationsdaten der DGWFJahrestagung 2019 an der Universität Ulm. ZHWB, H.2, 83-92.

Schmid, C., Maschwitz, A., Wilkesmann, U. Nickel, S., Elsholz, U. & Cendon, E. (2019). Wissenschaftliche Weiterbildung in Deutschland – Ein kommentierter Überblick zum Stand der Forschung. Beiträge zur Hochschulforschung 4/2019, 10-35.

Seitter, W. (2017): Wissenschaftliche Weiterbildung. Multiple Verständnisse – hybride Positionierung. Hessische Blätter für Volksbildung 67, H. 2, 144–151.

Tippelt, R. (2021). Forschung und Wissenschaft der Erwachsenen- und Weiterbildung im Kontext interdisziplinärer und transdisziplinärer Kommunikation. Hessische Blätter für Volksbildung, 3, 23–35.

Timm, S. & Franz, J. (2021). „Alles unter einem Dach“. Empirische Einblicke in Chancen und Herausforderungen für die strukturelle interne Vernetzung von universitären Weiterbildungsakteur*innen. ZHWB, H.1, 19–27.

Weber, K. (2020). Differenzierung, Systembezug und Dynamik der wissenschaftlichen Weiterbildung. In W. Jütte & M. Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung (S. 41–59). Wiesbaden: Springer VS.

Widany, S., Wolter, A., Dollhausen, K. (2020). Monitoring wissenschaftlicher Weiterbildung: Status quo und Perspektiven. W. Jütte & M. Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung (S. 235–260). Wiesbaden: Springer VS.

 

Redaktioneller Ablauf

Alle Beiträge zum Themenschwerpunkt und in der Rubrik Forum durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren (double-blind). Die Review-Kriterien können Sie auf der Website der Zeitschrift als Datei downloaden.

  • 04.2022 Einreichungsfrist der Beiträge
  • 09.2022 Rückmeldung der Review-Ergebnisse
  • 10.2022 Deadline zur Überarbeitung der Beiträge
  • Dezember 2022 Veröffentlichung der Ausgabe

 

Vorschau auf kommende Hefte


 
2023/1 Regionale und sozialräumliche Kontexte der Hochschulweiterbildung 

(Einreichungsfrist Themenbeiträge 15.10.2022)

 

2023/2 Bildung durch Wissenschaft (liche Weiterbildung) 

(Einreichungsfrist Themenbeiträge 15.04.2023)