Call for Papers / Vorschau

2023/1 Regionale und (sozial-)räumliche Kontexte der Hochschulweiterbildung

Einreichungsfrist:                   15.10.2022

Veröffentlichung:                    Juni 2023

Zur thematischen Schwerpunktsetzung

Hochschulen und Region

Seit dem rasanten Ausbau der Universitäten und Fachhochschulen in den 1970er Jahren wurde das Verhältnis zwischen Hochschulen und Region immer wieder beleuchtet. Die programmatischen Zielsetzungen erfuhren vor dem Hintergrund gesellschaftlichen Wandels immer wieder Veränderungen: vom Standortfaktor, über Transfer zur Third Mission. Derzeit – so darf konstatiert werden – gewinnt das Thema wieder an Bedeutung, insofern die Rolle der Hochschulen im Kontext von gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und regionalen Transformationsprozessen erneut herausgestrichen wird. Im Koalitionsvertrag wurde die Gründung der „Deutschen Agentur für Transfer und Innovation" (DATI) vereinbart, um soziale und technologische Innovationen in regionalen (und überregionalen) Innovationsökosystemen zu fördern. Die politischen Anrufungen an die Hochschulen werden dabei lauter. Waren es bisher eher „freiwillige“ Initiativen, so wird wissenschaftspolitisch regionales Engagement Teil von Leistungsvereinbarungen der Hochschulen.

Die regionalen Bezüge im Feld der Hochschulweiterbildung werden sporadisch immer wieder auf den Jahrestagungen der DGWF (des AUE) thematisiert: „Hochschule in der Region. Wissenschaftliche Weiterbildung, Wissenstransfer, Serviceleistungen (1985), „Wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen. Ein innovatives Potential für die regionale Wirtschaft? (1994) „Transferorientierung in der wissenschaftlichen Weiterbildung - Wissen gesellschaftlich wirksam machen“ (2018), „Kooperativ- vernetzt – agil?“ (2021). Das Thema erfährt inhaltliche Konjunkturen mit unterschiedlichen Leitkonzepten.

Durch die von Bund und Ländern initiierten Förderprogramme „Lernende Regionen - Förderung von Netzwerken (2007-2013)“ und „Aufstieg durch Bildung – offene Hochschulen“ wurde die Auseinandersetzung mit der Region vorangetrieben. Vor allem letzteres Programm führte zu systematischerem Blick auf bestimmte Regionen (Bradshaw & Wurdack, 2020 auf Ostbayern; Rohs, Schmidt & Dallmann, 2020 auf die „erweiterte Westpfalz“; Habeck & Seitter, 2014 auf Mittelhessen). Während bisher der Begriff der regionalen „(Bildungs-)Landschaften“ stark auf den schulischen Bereich konzentriert war, hat Steinmüller (2021) eine auf hochschulischer Bildung beruhenden Bildungsregion in statu nascendi untersucht.

Auch die Ausdifferenzierung der DGWF-Struktur in regionaler Hinsicht in den letzten Jahren ist ein Indiz für den Bedeutungszuwachs räumlicher Kontexte. So sind alle Bundesländer durch acht Landesgruppen vertreten, die dem Erfahrungsaustausch ihrer Mitglieder dienen und sich der regionalen Förderung der wissenschaftlichen Weiterbildung verschreiben (s. bspw. die Erhebung an bayerischen Hochschulen von Höhn et al., 2021).

Region und Regionalität in der Wissenschaftlichen Weiterbildung

Zur Auslotung des Verhältnisses Wissenschaftliche Weiterbildung und Region können zwei grundsätzliche Blickrichtungen unterschieden werden: Zum einen „Die Bedeutung der Region für die wissenschaftliche Weiterbildung“ und zum anderen „Die Bedeutung wissenschaftlicher Weiterbildung für die Region“ (Rohs & Steinmüller, 2020).

Unabhängig der zahlreichen Anrufungen der Region durch verschiedene Akteursgruppen treten zahlreiche Struktur- und Steuerungsprobleme zutage, die auf Disparitäten zwischen politisch-programmatischen Zielen und der tatsächlichen Entwicklung verweisen. Der aktuelle deutsche Weiterbildungsatlas (Martin et al., 2022) zeigt regionale und kommunale Unterschiede im Weiterbildungsverhalten und bei Weiterbildungsangeboten auf. Der Wissenschaftsrat (2019) fordert in seinen Empfehlungen zu hochschulischer Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens, hochschulweite und regionale Weiterbildungszentren staatlich zu fördern. In Baden-Württemberg wurden im Rahmen des landesweiten Vorhabens Hochschulweiterbildung@BW an 25 Hochschulen Regional- und Fachvernetzungsstellen eingerichtet, um die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Gesellschaft sowie der Hochschulweiterbildung zu fördern.

Aus Sicht der wissenschaftlichen Weiterbildung ist die Region zunächst relevant im Hinblick auf die (potenzielle) Nachfrage nach wissenschaftlicher Weiterbildung, die Einzugsgebiete von Adressat*innen und Zielgruppen (Rohs et al., 2020). Auch auf organisationaler Ebene spielen regionale Vernetzungen eine bedeutsame Rolle. „So sind die Hochschulen gefordert, ihre Entwicklung strategisch an wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Leistungszielen auszurichten und ihre kooperative Vernetzung mit relevanten regionalen Akteuren insbesondere aus dem Unternehmens- und Bildungsbereich voranzutreiben“ (Dollhausen, Ludwig & Wolter, 2013, 10). Damit ist Kooperativität ein zentraler Modus der wissenschaftlichen Weiterbildung (Sweers, 2020 und ZHWB 2021/1 Kooperation und Vernetzung). Zugleich stehen Hochschulen im Kontext ihrer Programmplanung und Angebotsentwicklung unterschiedlichen Erwartungen aus Politik, Wirtschaft oder Öffentlichkeit gegenüber, die zahlreiche „Übersetzungsschritte“ bedürfen, bspw. in Form von Bedarfstransformationen (Denninger, 2020).

Hochschulweiterbildung im Transformationsprozess zwischen Transfer und Third Mission

Die Frage des (regionalen) Wissenstransfers ist eine klassische, wenngleich um die Breite des Begriffs immer wieder gerungen wird (Blank et al., 2015; Alexander, 2018). So vertrat Faulstich mit seinem Konzept der „öffentlichen Wissenschaft“ (Faulstich, 2006) den Begriff der Vermittlung.

Mittlerweile avanciert im bildungs- und hochschulwissenschaftlichen Diskurs das Konzept der „Third Mission“. Es bezieht sich auf gestiegene gesellschaftliche, insbesondere wirtschaftliche Erwartungen und Anforderungen an das nichtakademische Engagement von Hochschulen jenseits der beiden konstitutiven Kernaufgaben bzw. „Missionen“ von Lehre und Forschung. Es kann als gesellschaftliches Engagement der Hochschulen verstanden werden, unter das vielfältige Ansätze fallen. Es geht nicht nur um Öffnungsprozesse im Hochschulbereich im Sinne einer bildungs- oder hochschulpolitischen Strategie des Lebenslangen Lernens, sondern vielmehr um gestiegene Erwartungen an das Engagement von Hochschulen auch in regionalen Transformationsprozessen. Inwiefern dieses Konzept für die wissenschaftlichen Weiterbildung folgen- oder „hilf-“reich ist, ist durchaus umstritten.

Sozialräumliche Vernetzungen und raumtheoretische Zugänge

Der Begriff des Sozialraums oder der Sozialraumorientierung wird eher mit der Sozialen Arbeit verbunden. Für eine breitere Auslegung von Sozialraum, indem der Third Space als sozialer Raum begriffen wird, plädiert Kondratjuk: „In den Blick genommen werden sollten dabei die Nutzung des Raumes der unterschiedlichen Subjekte, die Entstehung von Raumqualitäten und die Unterstützung von Aneignungsprozessen (also mit welchen Interventionen und Elementen), um daraus eine Struktur des Raumes und der Handlungsdimensionen abzuleiten" (Kondratjuk, 2017, S. 198) In der Erwachsenenbildung findet seit einigen Jahren eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Thema Raum statt (vgl. Bernhard et al., 2015), ebenso wie Fragen der Hochschularchitektur wieder an Bedeutung gewinnen. Hier ergäben sich viele Anschlussmöglichkeiten zur Hochschulweiterbildung. So hat bspw. die Frage nach Gebäudedarstellungen und ihre Transformation in Marketingmaterialien (Nolda, 2015) ein hohes Anregungspotenzial, ebenso wie die Frage, wie physische Lehr-Lernräume sich durch digitale und hybride Lehr-Lernformate verändern, ausgesprochen zukunftsfähig ist.

Einladung

Für die Ausgabe 2023/1 der ZHWB sind wissenschaftliche Beiträge erwünscht, die sich theoretisch, empirisch und konzeptionell mit regionalen und (sozial-)räumlichen Kontexten von Hochschulweiterbildung beschäftigen. Dazu zählen Aspekte wie

  • Wechselwirkungen zwischen Hochschulweiterbildung und Region
  • Beiträge der Weiterbildung zu Strukturwandel und Regionalentwicklung
  • Öffnung der Hochschulen und der wissenschaftlichen Weiterbildung in die Region
  • regionale bzw. standortbezogene Dimensionen von Angebotsstrukturen
  • nachfrageorientierte Bedarfserhebungen und Angebotsentwicklung im regionalen Raum
  • Hochschulwahl aus Teilnehmendensicht
  • Weiterbildung und innovative Formen des Wissenstransfers
  • Neuere Konzepte des gesellschaftlichen Engagements (Third Mission, Service Learning, Transfer, Transdisziplinarität...) und ihr Potenzial für die Hochschulweiterbildung
  • Sozialräumliche Vernetzungen, regionale Bildungslandschaften und soziale Welten
  • Hochschulstandorte, Architekturen und ihre Darstellung in der Hochschulweiterbildung
  • Lernräume wissenschaftlicher Weiterbildung und ihre Veränderung (Digitalisierung etc.)
  • raumtheoretische Zugänge zu wissenschaftlicher Weiterbildung.

Auch Berichte aus der Praxis und Einblicke in Projekte können von Interesse sein; kontaktieren Sie gerne im Vorfeld die Redaktion.

Literatur

Alexander, C. (2018). Wissenschaftliche Weiterbildung als „Transfer“. Erweiterung eines Bedeutungshorizontes. Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB), (2), 41-47.

Bernhard, C., Kraus, K., Schreiber-Barsch, S. & Stang, R. (Hrsg.). (2015). Erwachsenenbildung und Raum: Theoretische Perspektiven - professionelles Handeln - Rahmungen des Lernens. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Blank, J., Wiest, M., Sälzle, S. & Bail, C. (2015). Öffnung der Hochschulen durch wechselseitigen Wissenstransfer im Kontext wissenschaftlicher Weiterbildung. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, 38(3), 365-379.

Bradshaw, M. & Wurdack, A. (Hrsg.). (2020). Neue Impulse für die wissenschaftliche Weiterbildung in Ostbayern. Abschlussband Verbundprojekt OTH mind. Bielefeld: wbv.

Denninger, A. (2020). Bedarfstransformationsprozesse als Ursache von Passungsproblemen zwischen Angebot und Nachfrage. Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB), (1), 55-62.

Dollhausen, K., Ludwig, J. & Wolter, A. (2013). Organisation und Re-Organisation wissenschaftlicher Weiterbildung in einer bewegten Hochschullandschaft. Hochschule und Weiterbildung, (2), 10-13.

Faulstich, P. (Hrsg.) (2006). Öffentliche Wissenschaft: Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Bielefeld: transcript.

Habeck, S. A. & Seitter, W. (2014). Ermittlung von Potentialen in der Region (Mittelhessen). Methodische Überlegungen zur Systematisierung von institutionellen Adressaten für die Erschließung von Bedarfen im Kontext wissenschaftlicher Weiterbildung. Internationales Jahrbuch der Erwachsenenbildung, 37(1), 89-102.

Höhn, N., Piwonka, M., Preiss, C. & Klippel, S. (2021). Erfolgsfaktoren in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Ergebnisse einer Erhebung an bayerischen Hochschulen. Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung (ZHWB), (2), 60-67.

Kondratjuk, M. (2017). Soziale Welt Hochschulweiterbildung: Figurationsmerkmale, Arenastruktur, Handlungsmodell. Bielefeld: wbv.

Martin, A., Schrader, J. & Schoemann, K. (2022). Deutscher Weiterbildungsatlas 2019. Kreise und kreisfreie Städte im Längsschnitt. Bielefeld: wbv Media.

Nolda, S. (2015). Dynamische Statik. Gebäudedarstellungen und ihre Transformation in Werbematerialien der Erwachsenenbildung. In C. Bernhard, K. Kraus, S. Schreiber-Barsch, & R. Stang (Hrsg.), Erwachsenenbildung und Raum: Theoretische Perspektiven - professionelles Handeln - Rahmungen des Lernens (93-104). Bielefeld: Bertelsmann

Rohs, M. & Steinmüller, B. (2020). Wissenschaftliche Weiterbildung und Region. In W. Jütte & M. Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung (S. 195-213) Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Rohs, M., Schmidt, H.-J. & Dallmann, H.-U. (Hrsg.). (2020). Aufstieg durch Bildung? Regionale Bedarfe als Grundlage wissenschaftlicher Weiterbildung. Bielefeld: wbv Media.

Steinmüller, B. (2021). Bildungsregionen in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Modell und empirische Analyse. Bielefeld: WBV Media.

Sweers, F. (2020). Kooperationen in der wissenschaftlichen Weiterbildung. In W. Jütte & M. Rohs (Hrsg.), Handbuch Wissenschaftliche Weiterbildung (S. 537-552) Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Wissenschaftsrat. (2019). Empfehlungen zu hochschulischer Weiterbildung als Teil des lebenslangen Lernens. Berlin.

Redaktioneller Ablauf

Alle Beiträge zum Themenschwerpunkt und in der Rubrik Forum durchlaufen ein Peer-Review-Verfahren (double-blind). Die Review-Kriterien können Sie auf der Website der Zeitschrift als Datei downloaden.

  • 15.10.2022 Einreichungsfrist der Beiträge
  • 01.03.2023 Rückmeldung der Review-Ergebnisse
  • 15.05.2023 Überarbeitung der Beiträge und Freigabe
  • Juni 2023 Veröffentlichung der Ausgabe

 

Vorschau auf kommende Hefte


2023/2 Bildung durch Wissenschaft (liche Weiterbildung) 

(Einreichungsfrist Themenbeiträge 15.04.2023)

2024/1 Gesellschaftliche Trends der Wissenschaftlichen Weiterbildung

(Einreichungsfrist Themenbeiträge 15.10.2023)

2024/2 Strukturfragen der Hochschulweiterbildung

(Einreichungsfrist Themenbeiträge 15.04.2024)